Vorstoss in die Bronzezeit: Grossgrabung in Gränichen

Unter der Oberfläche bei der Lochgasse in Gränichen verbirgt sich Spannendes. Es sind Überreste einer Siedlung aus der Bronzezeit. Diese gräbt die Kantonsarchäologie nun während eines Jahres aus.

Mit dem Grabungsteam im Gespräch − Drei Fragen an...

In unserer Webserie stellen wir den Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Grabungsteams in Gränichen jeweils drei Fragen. Im Interview berichten die Befragten wöchentlich von der Grabung, von der Archäologie allgemein und von ihren Erfahrungen und Erlebnissen.

Das Grabungsteam Gränichen sagt Adieu

Das Grabungsteam in Gränichen Bild vergrössern
Foto: Kantonsarchäologie Aargau; © Kanton Aargau

Knapp einen Monat gräbt das Grabungsteam noch in Gränichen: Ende Oktober heisst es von dannen gehen für die Archäologinnen und Archäologen. Das Areal wird fristgerecht freigegeben.

Das Grabungsteam Gränichen und die Kantonsarchäologie danken für Ihr Interesse! Feedback und Anregungen nehmen wir gerne entgegen:

Marion, Archäologin, Teamleiterin und Buchautorin

Archäologin am Grabungstagebuchschreiben. Bild vergrössern
Foto: Kantonsarchäologie Aargau, Béla Polyvás; © Kanton Aargau

In ferne Länder reisen, Entdeckungen machen, Schätze ausgraben − das ist allzu oft das Klischee, das die Archäologie umgibt. Manchmal aber reisen Archäologen und Archäologinnen tatsächlich in ferne Länder, machen Entdeckungen und graben Schätze aus. Auch wenn es nur wissenschaftliche Schätze sind. Marion, Teamleiterin auf der Ausgrabung in Gränichen, erzählt.

Marion, du bist ganz schön rumgekommen. Wo hast Du schon überall gearbeitet?

Ich hab in vielen Ländern gegraben, meistens steinzeitliche Befunde. Das fing am Bodensee und am Federsee an, klassisch mit Feuchtbodengrabungen, dann in Frankreich in einer Höhle, in der Grotte du Gardon. Im Süden Ungarns, nahe Szeged, konnte ich an den Ausgrabungen eines frühneolithischen Tells, also einem Siedlungshügel, mitarbeiten. Ja, und dann war ich vor allem im Vorderen Orient. Von 2009 bis 2015 habe ich fast jeden Sommer in der Südosttürkei gegraben, in Körtik Tepe am Tigris, etwa 60 km von der irakischen Grenze entfernt. Wunderschöne Landschaft! Im Rahmen der türkischen Grabungen dieser frühneolithischen Fundstelle haben wir vor allem naturwissenschaftliche Untersuchungen durchführen können. Die Menschen von Körtik Tepe waren zwar noch Jäger und Sammler, aber bereits sesshaft. Überraschend war, als wir nach ein paar Grabungskampagnen noch frühere Besiedlungsspuren fanden, die in die Jüngere Dryas datieren. Das ist eine extreme Kaltphase am Ende der letzten Eiszeit, kurz vor unserer Warmzeit. Innerhalb einer Generation erwärmte sich das Klima stark. Zu erforschen, wie die Menschen auf diesen abrupten Klimawandel reagiert haben, ist besonders spannend. Ein Highlight waren die Ausgrabungen nahe Petra in Jordanien, wo ich 2016 war. Auf einem völlig abgelegen Hochplateau haben dort Menschen schon vor über 9000 Jahren zweistöckige Häuser gebaut!

Du hast ein Buch über Archäologie geschrieben. Wie wichtig ist die Vermittlung an ein Laienpublikum?

Schon während dem Studium habe ich populärwissenschaftliche Artikel über Archäologie geschrieben, zum Beispiel für Die Zeit, die Basler Zeitung oder GEO. Das mache ich immer noch. Vermitteln heisst für mich nicht nur, populärwissenschaftliche Artikel zu schreiben, sondern Archäologie einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Das hat für mich einen sehr hohen Stellenwert, denn Archäologie ist wichtig für unsere Kultur. Der Vergleich mit früheren Gesellschaften ist für uns aufschlussreich, um zu sehen, dass es auch noch andere Möglichkeiten jenseits dieser materiellen Flut gibt, die wir momentan haben. Es gibt andere Formen des Zusammenlebens, wo zum Beispiel Gemeinschaft eine sehr viel grössere Rolle spielt. Wo nicht das Haben zählt, sondern das Sein.

Was wünschst Du Dir für die Archäologie?

Dass man Archäologie als Berufszweig seriös wahrnimmt. Archäologie wird oft immer noch als Hobby dargestellt. Und man sieht die Arbeit, die dahinter steht, die Auswertungsarbeit insbesondere, selten als einen Beruf mit einer sehr langen Ausbildung, sondern als Spielerei von ein paar Wissenschaftlern. Bei Bäckern, Bankern und jedem anderen Zweig wird das Berufsethos ernst genommen, aber bei der Archäologie schwingt immer noch das Indiana Jones-Klischee mit – als ob ein Jeep, Outdoorkleidung und eine Kelle genügten, um Archäologe zu werden. Diesen Stellenwert zu ändern, das wäre toll.

Zu Marions Buch über Archäologie in der Online-Buchhandlung librumstore (öffnet in einem neuen Fenster).

Tobias, Archäologe und Ausgräber

Archäologe am Reinigen des Befundes mit dem Staubsauger. Bild vergrössern
Foto: Kantonsarchäologie Aargau, Béla Polyvás; © Kanton Aargau

Archäologie ist spannend, Archäologie fasziniert und nicht selten wird der Beruf des Archäologen als Traumjob deklariert. Doch hinter der vermeintlich abenteuerlichen Arbeit steht ein gesetzlicher Auftrag: unser Kulturerbe zu bewahren. Wie wichtig dies ist, erklärt Tobias, Archäologe und Ausgräber.

Tobias, wie bist zur Archäologie gekommen?

Von Hause aus bin ich eigentlich Kunsthistoriker. Neben der Kunstgeschichte habe ich aber auch klassische Archäologie und Ur- und Frühgeschichte in Basel studiert. Nach dem Studium war ich grösstenteils auf Grabungen im Aargau, in Baden, Windisch und Frick. Dann aber auch in anderen Kantonen, in Kempraten in St. Gallen zum Beispiel. Also überall in der Schweiz.

Magst Du eine Epoche aus der Vergangenheit besonders gut?

Wo ich am meisten gearbeitet habe, das fasziniert mich auch am meisten: die römische Epoche. Neben dem Römischen interessiert mich aber auch die Eisenzeit. Das Römische schliesst an mein Studienfach der klassischen Archäologie an. Es ist auch sehr vielfältig von den Befunden und Funden her. Zudem hat man hier auch Schriftquellen.

Wie wichtig ist Kulturerbe für dich?

Kulturerbe ist sehr wichtig. Jetzt ist eine Zeit, wo es umso mehr bedroht ist. Es wird sehr viel gebaut und abgerissen. Durch diese starke Bautätigkeit wird viel zerstört, mehr noch als zu früheren Zeiten. Das Alte verschwindet immer mehr und mehr. Das Kulturerbe erhält dadurch eine enorme Wichtigkeit. Denn ohne das verliert man die Basis.

Kathrin, Archäologin und Teamleiterin

Archäologin kniend am Laptop. Bild vergrössern
Foto: Kantonsarchäologie Aargau, Béla Polyvás; © Kanton Aargau

Es ist ein Beruf, jedoch oft auch eine Berufung: Nicht selten wussten Archäologinnen und Archäologen schon ganz früh, das sie das werden wollen. So wie Kathrin, Teamleiterin auf der Ausgrabung in Gränichen.

Welches sind Deine Aufgaben als Teamleiterin auf der Grabung?

Ich leite eines von drei Teams und organisiere, dass jeder seine Arbeit hat. Ich übernehme die Dokumentation und helfe mit beim Graben, wenn ich Zeit finde.

Welche Arbeiten machst Du am liebsten, welche weniger?

Am schwierigsten sind Baggerabträge. Weil man das Gefühl hat, man steht nur daneben. Man beobachtet zwar immer und muss hochkonzentriert sein, aber man benutzt eben nicht die eigenen Hände. Befunde beschreiben mache ich am liebsten, vor allem wenn der Befund im Profil angeschnitten ist, und man so das Ganze sieht. Man überlegt sich dann, was man da vor sich hat, wie es mit allem zusammenhängt.

Wolltest Du schon immer Archäologin werden?

Ja. Seit der Primarschule weiss ich, dass ich Archäologin werden will. Tatsächlich wegen einer Fernsehsendung! Dort hatte es einen Archäologen dabei und der wusste immer so viele Dinge. Und das wollte ich auch. Ich wollte auch über so viele spannende Dinge Bescheid wissen wie er. Das hat mich dann motiviert, Archäologie zu studieren.

Nicole, Archäologin und Teamleiterin

Archäologin am Beschreiben des Befundes. Bild vergrössern
Foto: Kantonsarchäologie Aargau, Béla Polyvás; © Kanton Aargau

Der Röstigraben besteht zwar schon seit der Steinzeit, doch auf einer Ausgrabung ist er nicht zu spüren. Die Archäoszene pflegt den Austausch darüber hinaus, und auf Grabungen arbeiten oft Leute aus der ganzen Schweiz. Zum Beispiel Nicole: sie kommt aus der Romandie.

Nicole, du kommst ursprünglich aus der Welschschweiz. Wie hat es Dich hierhin verschlagen?

Schon während des Studiums wollte ich ein Austauschsemester in Zürich machen, um meine Familie [Nicoles Grossmutter lebt in der Gegend von Winterthur] öfter zu sehen und mein Schweizerdeutsch zu verbessern. Zuhause haben wir nie Schweizerdeutsch gesprochen. Aber damals hat es nicht geklappt, weil ich an der Forschungsgrabung der Universität Lausanne teilnahm. Als ich dann das Studium abgeschlossen habe, dachte ich, dass sich ohnehin viele Leute im Kanton Waadt in der Archäologie bewerben. So wollte ich gerne in die Deutschschweiz zum Arbeiten kommen, wenn sich etwas ergeben würde. Auf einer Ausgrabung in Lausanne lernte ich dann eine Deutschschweizerin kennen – ihr erzählte ich, dass ich noch niemanden in der deutschen Schweiz kenne. Da antwortete sie: Maintenant oui! Anfang 2015 war ich dann auf der Grabung im Münsterhof in Zürich, bei der sie Teamleiterin war, danach in Kempraten in St. Gallen und anschliessend kam ich nach Gränichen.

Besteht ein Unterschied zwischen Grabungen in der welschen Schweiz und hier in der Deutschschweiz?

Ich habe das Gefühl, dass in der Romandie die meisten Leute auf Grabungen Archäologen sind, und weniger Ausgräber. Es ist ein bisschen anders organisiert. Das ist einfach mein Gefühl.

Gibt es einen speziellen Fund oder einen besonderen Moment auf dieser Grabung, der für Dich ein Höhepunkt war?

Ich interessiere mich mehr für den Befund und den Gesamtplan, also die ganze Grabung als für die Funde. Das Highlight des letzten Monats war für mich eine Grube: sie war überraschend tief und auf der Sohle mit Keramikfragmenten ausgekleidet. Das war spannend, diesen Befund auszugraben.

Jarek, Archäologe und Zeichner

Archäologe vor dem Computer im Büro. Bild vergrössern
Foto: Kantonsarchäologie Aargau, Béla Polyvás; © Kanton Aargau

Zum Werkzeug eines Archäologen gehören nicht nur Kelle und Spaten. Moderne technische Hilfsmittel und nicht zuletzt auch der Computer unterstützen die tägliche Feldarbeit. Unverzichtbar ist der digital erstelle sogenannte Gesamtplan, eine Gesamtschau aller Befunde. Dafür zuständig ist auf der Grabung Gränichen der Archäologe Jarek.

Jarek, was sind Deine Aufgaben auf der Grabung?

Ich bin zuständig für den Gesamtplan. Zu mir kommen alle digitalen Informationen und ich bearbeite sie. Hier ist die Schaltzentrale, könnte man sagen. Ich sehe die Befunde nicht wie meine Kollegen und Kolleginnen im Feld, sondern ich sehe sie auf dem Bildschirm. Als Linien, Punkte oder Flecken - daraus entsethen z. B. Pfostenlöcher, Graben oder Gräbchen. Das ist meine Grabung!

Was fasziniert Dich an der Archäologie hinter dem Bildschirm?

Es hat mich einfach immer fasziniert, wie man von der Zeichnung zum grossen Ganzen kommt. Früher musste man bei einer Grabung die einzelnen Zeichnungen zusammenbasteln, heutzutage sehen wir dank der Technik alles schnell auf dem Bildschirm. Selbst Luftbilder mit der Drohne können verwendet werden. Und wir können jeden Ausschnitt der Grabung auf dem Bildschirm heranzoomen. Man kann es natürlich auch in der Datenbank abfragen, aber das kostet Zeit. Hier kann ich reinzoomen und die nötigen Informationen direkt ablesen und ausdrucken.

Was ist die Zukunft der Archäologie?

Mit der Technik kann man einfach effizienter arbeiten. Nur, ich vermisse die Handzeichnungen manchmal schon, wo der Befund farbig und mit viel Liebe festgehalten wurde. Aber heute machen wir ja auch Fotos mit dem Handy!

Anja, Archäologin und Historikerin

Archäologin am Tachymeter Bild vergrössern
Foto: Kantonsarchäologie Aargau, Béla Polyvás; © Kanton Aargau

Anja, Archäologin und Historikerin

Archäologie befasst sich mit den Bodenfunden, sie ist die "Wissenschaft des Spatens". Ganz anders sind die Quellen der Geschichtswissenschaft. Eine Kombination beider Fächer ist aber durchaus möglich: Anja hat beide Wissenschaften studiert.

Anja, du bist Historikerin und Archäologin. Kannst Du den Unterschied zwischen Geschichte und Archäologie beschreiben?

Es sind verschiedene Quellen. Die Geschichte basiert auf Schriftquellen, die Archäologie arbeitet mit den materiellen Hinterlassenschaften. Ich finde, die beiden Disziplinen bilden eine sehr gute Kombination.

Hast Du etwas von Deiner Arbeit auf Grabungen in besonderer Erinnerung?

Ja, gerade am ersten Tag meiner Arbeit auf einer Grabung, habe ich eine wunderbare römische Glasflasche freigelegt. Sie war fast vollständig und hatte einen Stempel auf dem Boden.

Wo ist hier in Gränichen besonderes Fingerspitzengefühl und Konzentration gefragt? Welche Arbeiten fordern Dich am meisten?

Ich finde es schwierig, die einzelnen Schichten zu erkennen. Sie sind teilweise so stark gestört durch Wurzeln oder moderne Eingriffe. Also das Erkennen, ob und wann es ein archäologischer Befund ist.

Miriam, Archäologin und Fundverantwortliche

Archäologin tütet Keramikscherben ein. Bild vergrössern
Foto: Kantonsarchäologie Aargau, Béla Polyvás; © Kanton Aargau

Miriam, Archäologin und Fundverantwortliche

Hunderte von Fundobjekten hat das Grabungsteam in Gränichen bereits geborgen. Um die schiere Masse zu bewältigen, gibt es ein eigens eingerichtetes "Fundlabor". Hier reinigt, bestimmt und verpackt die Archäologin Miriam alle Funde.

Miriam, hier im Fundlabor sieht man praktisch nur Keramik. Was ist an diesem Material so besonders?

Das stimmt, 95% der Funde sind solche ganz normalen Scherben von irgendwelchen Töpfen. Dazwischen kommt aber immer mal wieder eine Überraschung, zum Beispiel besonders schön verzierte Keramik oder auch eine Silexpfeilspitze, und in ganz seltenen Fällen ein Fundstück aus Bronze. Die Keramik kann man zusammensetzen und anschliessend sehen, welche Topfformen die Menschen damals hatten. Die Töpfe sind das, was die Leute im Alltag gebraucht haben. Und das bietet auch den Zugang zur Alltagsgeschichte der Menschen.

Gibt es einen Lieblingsfund?

Die Bronzefunde sind schon besonders schön. Wir hatten kürzlich eine Bronzenadel und eine Sichel. Aber auch die Keramik hat ihre Schönheit. Das ist das Spezielle an der Bronzezeit, die Töpfer haben gespielt mit dem Material und haben ihrer Kreativität freien Lauf gelassen. Die Gefässe waren noch nicht so standardisiert wie später, beispielsweise bei den Römern. Aber auch Steinbeile sind speziell, weil sie selten sind im Vergleich zur Keramik.

Du hast vor einem Jahr das Studium abgeschlossen. Nun bist Du auf einer Grabung, quasi in der Realität. Was ist der Unterschied zwischen Studium und Arbeit auf Grabung?

An der Uni hat man viel Theorie gemacht und mit Abbildungen gearbeitet. Aber hier habe ich nun wirklich das Material in der Hand. Jede Scherbe, die zum Boden rauskommt, geht irgendwie durch meine Hände, ich wasche die Keramik ja auch, sehe so jede einzelne Scherbe. Jetzt habe ich im Vergleich zum Anfang der Grabung einen ganz anderen Blick dafür bekommen. Ich sehe sofort, ob es ein Rand- oder Bodenstück ist. Je mehr Material man gesehen hat, desto schärfer ist auch der Blick.

Verena, Grabungstechnikerin

Drei Frauen diskutieren. Bild vergrössern
Foto: Kantonsarchäologie Aargau, Béla Polyvás; © Kanton Aargau

Verena, Grabungstechnikerin

Ohne Grabungstechniker/-in keine Ausgrabung! Im Prinzip ist eine archäologische Ausgrabung eine Baustelle wie jede andere: es braucht Vermessung, Strom, Werkzeuge und Koordination. Darum kümmert sich in Gränichen die Grabungstechnikerin Verena.

Verena, Du bist Grabungstechnikerin. Was ist der Unterschied zwischen der Grabungstechnikerin und der Archäologin?

Die Grabungstechnikerin ist zuständig für die ganze Infrastruktur wie zum Beispiel Container, Zelte, Werkzeug, Wasser, Strom, Vermessungsgerät und so weiter. Mit der Archäologin plane ich die Grabungsarbeit und koordiniere mit der Aushubfirma und den Baggerführern den Maschineneinsatz. Auf dem Platz bin ich diejenige, welche mit dem Maschinisten und dem Lastwagenchauffeur kommuniziert. Dann bin ich auch verantwortlich, dass das Ausgrabungspersonal die Suva-Arbeitssicherheitsvorschriften einhält. Es gibt auch Auflagen von der Bauherrschaft, die ich im Auge behalten muss. Kommunikation nach allen Seiten ist ein wichtiger Teil meiner Arbeit.

Was ist an der Grabung in Gränichen so besonders?

Die Ausgrabungsfläche ist riesig: ca. 6500 m². So marschiere ich viel kreuz und quer und von einem Team zum anderen. Es ist eine der grössten mittelbronzezeitlichen Ausgrabungen in der Schweiz. Da ich erst etwa zwei bis drei Mal auf Ausgrabungen dieser Epoche gearbeitet habe, kann ich zusätzliche Erfahrungen sammeln. Für die Baggerfirma ist es aus logistischen Gründen wichtig, dass wir die Termine konzentriert festlegen können. So lassen sich auch unnötige Kosten vermeiden. Also immer das Budget im Auge behalten. Gleichzeitig muss für unsere Equipe immer genügend Fläche, d.h. Arbeit vorbereitet sein. Tja, und dann das Wasser! Wenn es regnet, gibt es immer wieder sehr viel stehendes Wasser. Wir haben die Auflage, dies abzupumpen. Das ist immer wieder ein beträchtlicher zusätzlicher Aufwand. Zum Glück träume ich nachts nicht davon!

Was ist die Faszination der Archäologie für Dich?

Natürlich sind Ausgrabungen im Ausland auch interessant, aber ich war immer daran interessiert, hier in der Schweiz zu arbeiten. In meiner Umgebung, am Ort selber, draussen, am "Tatort", genau dort wo die Befunde und Funde liegen. Ich möchte das Ganze in Bezug zu heute sehen. Wo hat man gesiedelt? Wo wurde bestattet? Was ist der Zusammenhang mit der Geologie und der Landschaft. Dies alles in Verbindung zu sehen, das habe ich immer am spannendsten gefunden. Und mit den verschiedensten Menschen zusammenzuarbeiten.

Horst, Archäologe und Baggerführer

Baggerfahrer. Bild vergrössern
Foto: Kantonsarchäologie Aargau, Béla Polyvás; © Kanton Aargau

Horst, Archäologe und Baggerführer

Ausgraben lässt sich auch mit dem Bagger. Dafür benötigt es besonderes Fingerspitzengefühl und eine Menge Erfahrung. Horst fährt den 12-Tonnen-Bagger auf der Grabung in Gränichen.

Wie kamst Du dazu, auf Grabung Bagger zu fahren?

Über Jahre hinweg war ich immer bei der gleichen Grabung am Bodensee. Eines Jahres hatte ich dann nicht die Gelegenheit, mich rechtzeitig zu melden beim Grabungsleiter und war dann etwas zu spät dran: das Team war schon voll. Der Grabungsleiter suchte aber einen Baggerfahrer für eine andere Grabung. Er meinte, dass er sich mich durchaus vorstellen könnte. Dann hab ich das probiert und es hat ganz gut funktioniert. So war ich dann der Baggerfahrer. Auf vielen weiteren Grabungen lag dann diese Aufgabe in meiner Hand, wenn es kleinere Baggerarbeiten gab. Mit der Zeit wurde es dann immer mehr und mehr.

Das heisst learning by doing? Du hast keine Ausbildung gemacht?

Ich hatte damals einen professionellen Baggerfahrer an der Seite. Der hat sich zwei Wochen meiner angenommen und mir auch gezeigt, worauf es ankommt. Seine Tipps und Tricks waren sehr hilfreich. Ohne das, wäre es nicht so weit gekommen.

Welches ist hier in Gränichen die besondere Herausforderung beim Arbeiten mit dem Bagger?

Zum einen ist es eine sehr grosse Maschine hier in Gränichen. Auf anderen Grabungen fahre ich eigentlich eher 3-bis 5-Tonnen-Maschinen. Hier ist es ein 12-Tonnen-Bagger. Das Team ist ausserdem ziemlich gross, da hast du permanent Leute um dich rum, und du stehst mit dem grossen Bagger irgendwo dazwischen. Und die riesige Herausforderung ist tatsächlich, immer alles im Auge zu behalten, so dass nichts passiert. Denn das ist die oberste Direktive.

Sophia, Archäologin und Grabungsleiterin

Grabungsleiterin am Telefon Bild vergrössern
Foto: Kantonsarchäologie Aargau, Béla Polyvás; © Kanton Aargau

Sophia, Archäologin und Grabungsleiterin

Rund 10'000 Quadratmeter gross ist die Ausgrabungsfläche, drei Teams sind auf dem Feld − da braucht es jemanden, bei dem alle Fäden zusammenlaufen. Sophia Joray leitet die Ausgrabung in Gränichen.

Sophia, Du bist Grabungsleiterin. Was sind Deine Aufgaben?

Die ganze Koordination der Grabung ist das eine: mit den Teamleiterinnen jeweils besprechen, wie wir vorgehen wollen. Auch die wissenschaftliche Betreuung gehört dazu, ab und zu konsultiere ich Literatur, obwohl die Zeit knapp ist. Dann gehören administrative Dinge dazu, wie zum Beispiel Stundenlisten und Budget kontrollieren. Dann kommt Öffentlichkeitsarbeit dazu, also Führungen halten. Und schliesslich mit dem Ressortleiter archäologische Untersuchungen der Kantonsarchäologie Zeitplan und Vorgehen absprechen. Es ist sehr vielfältig und immer spannend.

Was sind die Highlights der Grabung?

Das neuste Highlight ist sicher das Grab. Es ist ein sogenanntes Brandschüttungsgrab, also eine körpergrosse Grube, wo man die verbrannten Knochen deponiert hat. Es ist immer aussergewöhnlich, ein Grab auszugraben, weil es etwas war, das die Menschen für die Ewigkeit schaffen wollten. Und wir nehmen es dann aus dem Boden heraus. Die Siedlungsbefunde sind aber auch interessant, wir haben viele Gruben, die verfüllt sind mit Keramik. Da sieht man sehr genau, dass die Erdgruben bewusst mit der Keramik ausgekleidet wurden. Hinter solchen Befunden kann man tatsächlich den Menschen erkennen, weil man sieht, dass es bewusste Handlungen waren.

Wie wichtig ist die Archäologie für unsere Gesellschaft?

Gute Frage. Ich persönlich finde sie schon sehr wichtig. Einerseits macht es einem den Unterschied bewusst, wie wir heute leben, und wie man früher gelebt hat. Die Bronzezeit ist natürlich schon sehr weit weg, andere Epochen sind einem näher, zum Beispiel das Mittelalter. Und trotzdem sind es riesige Unterschiede zum heutigen Leben. Das schafft Respekt vor dem, was im Boden ist; es gibt dabei durchaus Ähnlichkeiten zum Naturschutz. Archäologie schafft auch ein Bewusstsein dafür, dass wir nicht ewig leben. Heute ist ja alles sehr schnelllebig, es wird viel konsumiert und auch viel zerstört. Archäologie beruhigt einen in dieser Hinsicht etwas. Archäologie hat für mich deshalb auch eine philosophische Dimension. Wenn man diese alten Dinge betrachtet und merkt, wie vergänglich man ist – im Vergleich zu einem Topf!

Karin, Studentin und Grabungsmitarbeiterin

Studentin und Grabungsmitarbeiterin Karin legt das Grab frei. Bild vergrössern
Foto: Kantonsarchäologie Aargau, Béla Polyvás; © Kanton Aargau

Karin, Studentin und Grabungsmitarbeiterin

In der zweitletzten Juniwoche kam überraschend ein Grab zum Vorschein. Darin liegen die verbrannten Überreste mindestens eines Menschen, dazu mehrere Gefässe aus Keramik. Sorgfältig legt ein Grabungsteam das Grab frei. Karin darf die Knochen bergen.

Karin, hast du das Grab entdeckt?

Das kam beim Baggern zum Vorschein. Wir waren zu dritt, die beobachtet haben, und da hat sich dieser Schatten abgezeichnet. Es war aber noch nicht ganz klar, was es ist. Wir hatten in diesem Bereich nämlich ganz viele Gruben. Wir haben den Befund dann geputzt und relativ schnell gesehen, dass es ein Grab ist.

Wie fühlt es sich an, einen Menschen auszugraben?

Für mich ist es das erste Mal. Es ist schon etwas Spezielles, man ist neugierig auf den Befund und auch die Art des Arbeitens ist etwas total Anderes, als wenn man auf dem Grabungsfeld arbeitet. Man fragt sich natürlich die ganze Zeit, ob es ein Kind ist, ob es ein Individuum ist oder sogar zwei.

Ist dies der Grund, weshalb du Archäologie studiert hast? Dieser spezielle Moment?

Sicher, ja. Mich interessiert überhaupt der Werdegang des Menschen. Woher kommen wir, was sind wir, wie entwickeln wir uns?

Fotostory: Ein Grab wird freigelegt

Ende Juni kommt in Gränichen ein Grab zum Vorschein. Eine Überraschung! Grabungsleiterin Sophia Joray berichtet.

  1. Dunkle Verfärbung im Boden.
    Entdeckung
  2. Schnitt durch die Grabgrube.
    Grabgrube
  3. Ausgräberin legt Knochen frei.
    Feinstarbeit
  4. Ausgräberin säubert Knochen.
    zerbrechlich
  5. Freigelegte Grabgrube mit Knochen und Beigabengefässen.
    Mann oder Frau?
  6. Grabgrube mit Holzkohleschicht.
    Holzkohleschicht
  7. Probeentnahme.
    Probeentnahme
  8. Ausgegrabene Grabgrube.
    Grabbeigaben
  9. Ausgräberin präpariert Knochen.
    Präparieren

Gränichen: Ein beliebter Wohnort − gestern und heute

Blick auf Gränichen. Bild vergrössern
Blick über die aktuelle Ausgrabung in Gränichen. Foto: Kantonsarchäologie Aargau, Béla Polyvás, © Kanton Aargau

Zwischen Lochweg und Lochgasse in Gränichen wird auf einer Fläche von 10'000 Quadratmeter eine Grossüberbauung mit zehn Mehrfamilienhäusern entstehen. Dem Neubau müssen die im Boden erhaltenen archäologischen Überreste weichen. Daher ist eine Ausgrabung notwendig. Die ausgegrabenen Flächen werden termingerecht für den Neubau freigegeben, sodass es zu keiner Bauverzögerung durch die archäologischen Untersuchungen kommt.

Wohnen am Bach

Wohnen am Bach

Zeichnung eines bronzezeitlichen Dorfes.
Aus: Horisberger/Hämmerle 2001, Cham-Oberwil, Abb. 71

Die Fundstelle Gränichen-Lochgasse liegt auf dem Schwemmfächer des Lochbachs. Die Menschen besiedeln in der Mittelbronzezeit gerne solche Lagen an der Einmündung eines Bachs in das Haupttal. Hier finden sie ebenen Baugrund und können das Wasser des Baches nutzen. In der Umgebung befinden sich ausserdem mehrere Quellen, die wohl auch in prähistorischer Zeit geschätzt und genutzt wurden. Der Boden, auf dem die Fundstelle liegt, machten die Menschen erst durch Düngung fruchtbar, in der Umgebung befinden sich ausserdem viele von Natur aus fruchtbare Böden.

Selten in der Schweiz

Selten in der Schweiz

Eine Restauratorin gräbt einen in den Boden eingegrabenen Vorratstopf aus der Mittelbronzezeit aus.
Eine Restauratorin gräbt einen in den Boden eingegrabenen Vorratstopf aus der Mittelbronzezeit aus. Foto: Kantonsarchäologie Aargau, © Kanton Aargau

Die laufende Ausgrabung (Oktober 2016 bis Oktober 2017) bestätigt, was sich bereits bei den Voruntersuchungen im Jahr 2015 abzeichnete: Die Menschen siedelten in der mittleren Bronzezeit (etwa 1600–1300 v. Chr.) auf dem gesamten Areal der Ausgrabung.

Bisher sind in der Schweiz nur wenige mittelbronzezeitliche Siedlungen solchen Ausmasses bekannt. In Gränichen wird man einen grossen Teil der Siedlung ausgraben können.

Auch Spuren aus der Latènezeit

Im westlichen Bereich der Grabungsfläche kamen ausserdem Überreste aus der Spätlatènezeit (etwa 150–15 v. Chr.) zum Vorschein. Diese Überreste stehen im Zusammenhang mit der damaligen Nutzung des Lochbaches, vermutlich fand hier Eisenverarbeitung statt.

Neue Erkenntnisse

Neue Erkenntnisse

Ein Ausgräber legt eine Struktur frei. Bild vergrössern
Ein Ausgräber legt eine Struktur frei. Foto: Kantonsarchäologie Aargau, © Kanton Aargau

Die Überreste ermöglichen es den Archäologinnen und Archäologen, den Alltag der Menschen, die hier lebten, zu rekonstruieren. So wird es möglich, Hausgrundrisse zu dokumentieren und die Aktivitäten der damaligen Menschen zu fassen, aber auch Informationen über die Ernährung der Menschen zu erhalten, sowie regionale und überregionale Beziehungen zu erkennen. Dies ist eine einmalige Gelegenheit, denn die Mittelbronzezeit ist bislang wenig erforscht.

Funde

Hier sehen Sie einige Funde aus Gränichen.

Henkelgefäss

Henkelgefäss Bild vergrössern
Foto Kantonsarchäologie Aargau, Béla Polyvás; © Kanton Aargau

Ein Henkelgefäss aus der Bronzezeit. Keramik ist das Material, das am häufigsten gefunden wird während der Ausgrabung in Gränichen.

Sichel

Sichel aus Bronze Bild vergrössern
Foto Kantonsarchäologie Aargau, Béla Polyvás, © Kanton Aargau

Die Sichel aus Bronze zeugt davon, dass die Menschen am Lochbach Landwirtschaft betrieben. Der Griff der Sichel bestand vermutlich aus Holz und ist im Boden vergangen.

In Jahrtausenden gewachsen...

Wurzel wächst durch Henkel eines Gefässes hindurch. Bild vergrössern
Foto Kantonsarchäologie Aargau, Béla Polyvás, © Kanton Aargau

Henkelgefässe waren häufig in der Bronzezeit. Mehrere Fragmente solcher Gefässe fand das Grabungsteam bisher. Bei diesem Stück fand eine Wurzel das "Schlupfloch".