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Der Rest vom Fest: eine Grube voller Scherben auf dem Fricker Seckeberg

3'300 Keramikscherben wurden in der Bronzezeit in einer flachen Grube fein säuberlich ineinander geschichtet.

Erdgrube mit verschieden grossen Keramikscherben Bild vergrössern
Foto Kantonsarchäologie; © Kanton Aargau

Bei einem Spaziergang auf dem Seckeberg ob Frick stiess der Heimatforscher Ernst Wälchli im Sommer 1997 auf verzierte Keramikscherben, die bei Bauarbeiten ans Tageslicht gebaggert worden waren. Die Notgrabung der Kantonsarchäologie erbrachte einen seltenen Befund: In einer Grube von etwa 1 x 1,35m und nur 27cm Tiefe waren rund 3'300 Scherben sorgfältig von innen nach aussen übereinandergeschichtet.

Es gibt keinen Hinweis darauf, dass sich noch weitere archäologische Befunde in der unmittelbaren Umgebung befinden. Was bedeutet diese Grube, an einem Ort, an dem es – nach bisherigem Kenntnisstand – keine Siedlung, keine Handwerksstätte und keinen Friedhof gab?

Verbrannte Scherben

Wieder zusammengefügte Scherben, die verschiedene Verbrennungsgrade aufweisen Bild vergrössern
Scherben mit verschiedenen Verfärbungen, die zu einem Gefäss gehören. Foto Kantonsarchäologie; © Kanton Aargau

Das Besondere dieser Entdeckung ist nicht nur die Menge an Scherben, sondern auch deren Zustand. Markante Verfärbungen und Verformungen belegen, dass die Keramik einem sehr starken, lang andauernden und instabilen Feuer ausgesetzt war, so wie es bei einen grossen Scheiterhaufen, der im Freien entzündet wird, der Fall ist.

Zusammengehörende Gefässpartien mit unterschiedlichen Verbrennungsgraden belegen, dass die Keramik bereits zerstört war, als sie ins Feuer gelangte.

Festtagsgeschirr

Ein kleines tassenförmiges Gefäss, das fast vollständig erhalten ist Bild vergrössern
Trinkgefäss. Foto Kantonsarchäologie Aargau; © Kanton Aargau

Wichtige Informationen liefert aber nicht allein die Anzahl Scherben oder Gefässe, sondern auch das Formenspektrum. Es handelt sich zum grössten Teil um Essgeschirr und Servier- bzw. Vorratsgefässe. Die Objekte sind sorgfältig ausgearbeitet und mit Verzierungen versehen worden, ein deutliches Zeichen, dass es sich hierbei nicht um alltägliche Gebrauchskeramik handelte, sondern um Gefässe mit Vorzeigecharakter.

Datierung anhand der Verzierungsmuster

Etwa ein Drittel des oberen Rands eines sehr grossen Gefässes Bild vergrössern
Teil eines Vorrats- oder Serviergefässes. Foto Kantonsarchäologie; © Kanton Aargau

Formen und Verzierungsmuster erlauben eine Datierung des Befundes in den Übergang von der Mittel- zur Spätbronzezeit, also die Zeit um etwa 1300 v. Chr.

Es kann vermutet werden, dass die Keramik vom Seckeberg einst zu einem kompletten Service gehörte, das während einem festlichen Mahl benutzt und dann zerschlagen und verbrannt wurde. Anschliessend wurden die Scherben sorgfältig aus dem Brandschutt herausgeholt und ordentlich in die Grube geschichtet.

Ritueller Hintergrund?

Was also damals geschehen ist, können wir in groben Zügen rekonstruieren. Die Frage bleibt, warum taten es die Menschen?

Andere bronzezeitliche Keramikdeponierungen, deren gemeinsamer Nenner das Geschirr ist, das auf ein Festmahl hindeutet, sind uns bekannt. Die Menschen der Bronzezeit haben allerdings keine Schriftzeugnisse hinterlassen, die uns ihr Vorgehen erklären könnten. Zieht man Schriftquellen aus zeitlich nahestehenden Kulturkreisen heran, so erkennt man, dass stets ein enger Bezug zwischen Opferriten und gemeinsamer Mahlzeit bestand. Zu Hochzeiten, Bestattungen, Initiationen, Erntefesten, zum Besuch eines besonderen Gastes, zu religiösen Festtagen oder dem glückliche Ende einer Krise gab – und gibt es noch heute – Festmähler.

Das gemeinsame Mahl dient dabei nicht allein der Nahrungsaufnahme, sondern der Verstärkung oder Knüpfung des Bands der Gemeinschaft, sei es unter vertrauten Menschen oder mit Fremden. Welcher kulturelle oder religiöse Anlass auf dem Seckeberg stattfand, wissen wir nicht. Auch die Frage, wieso das Geschirr nach seinem Gebrauch zerstört und vergraben wurde, muss offen bleiben. Aus dem antiken Griechenland ist überliefert, dass Gegenstände, die zum Kult verwendet worden waren, als den Göttern geweiht betrachtet wurden, weshalb sie nicht mehr in einen profanen Kontext gelangen durften.

Geschirr zerschlagen, um es anders zu nutzen

Zu einem Topf zusammengesetzte Scherben Bild vergrössern
Foto Kantonsarchäologie; © Kanton Aargau

Vielleicht ging es nicht allein darum die Gefässe einer Wiederverwendung zu entziehen. Es gibt zahlreiche Beispiele aus unterschiedlichsten Kulturen, in denen Keramik absichtlich zerbrochen wird, um ihr symbolische Kraft zu verleihen. Heute noch bekannt ist der Brauch des Polterabends, an dem Geschirr zerschlagen wird, um dem Brautpaar Glück für die Ehe zu wünschen. Gefässe konnten aber auch zerschlagen werden, um böse Mächte abzuwehren. Es gibt eine ganze Reihe von Motivationen, die sich hinter der absichtlichen Zerstörung von Gefässen verbergen können.

Zukünftige Forschungen werden zeigen, ob dieser Befund allein steht oder ob weitere Fundstellen das Gesamtbild erweitern können. Bis dahin bleibt er ein wichtiges Puzzlestück, das uns das rätselhafte rituelle Leben der Bronzezeit ein kleines Stück näher bringt.

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