Bildung mit Hindernissen: Marie Heim-Vögtlin (1845-1916)
Marie Heim-Vögtlin (1845-1916), Tochter des Dorfpfarrers von Bözen, legte 1873 als erste Schweizer Ärztin an der Universität Zürich das Staatsexamen mit Auszeichnung ab. Sie promovierte 1874. Für den Studienabschluss in Medizin hatte sie eine Matur nachzureichen.
Im Brief an den Erziehungsdirektor Augustin Keller stellte sie ein Gesuch um Zulassung mit der Begründung «indem ich Sie erinnere an die grossen Schwierigkeiten welche einem Mädchen in den Weg treten, das sich eine Bildung zu verschaffen möchte ähnlich derjenigen zu deren Erlangung den jungen Männern alle Thüren offen stehen». Das Gesuch ging an den Erziehungsrat, Marie Vögtlin wurde zur Matura zugelassen, bestand sie unter erleichterten Bedingungen.
Mit deutlichen Worten beklagt sich Marie Heim-Vögtlin über die fehlenden Bildungschancen für Mädchen. 1896 traten erstmals Mädchen in die Kantonsschule Aarau ein, allerdings bloss in die Handelsabteilung. Erst von 1901 an wurden Mädchen auch ins Gymnasium aufgenommen.
Marie hatte nicht die Bözener Dorfschule besucht, sondern wurde stets privat unterrichtet. Gefördert von ihren Eltern erwarb sie Kenntnisse in modernen Fremdsprachen und handwerkliche Fertigkeiten wie Nähen, Stricken und Flicken. Damit sollte sie auf ein Leben als Ehefrau vorbereitet werden. Allgemeinbildung und die naturwissenschaftlichen Fächer waren demgegenüber eher zweitrangig gewesen.
Gesuch um Zulassung zur Maturitätsprüfung in Aarau 1870
Literatur Müller, Verena E.. Marie Heim-Vögtlin - die erste Schweizer Ärztin (1845-1916). Ein Leben zwischen Tradition und Aufbruch. Baden 2007.
Schulreise der Kantonsschule Aargau 1902 StAAG ZwA 2009.0021/0149