Aargauer Kantonsbibliothek
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Sammlung Seiler2001 wurde die Privatbibliothek des in Lenzburg tätigen Linguisten Prof. Dr. Hansjakob Seiler (*1920) der Aargauer Kantonsbibliothek zur Nutzung übergeben. Die Sammlung Seiler umfasst rund 5’000 Bücher, Zeitschriften, Arbeitspapiere diverser Universitäten und Separatabdrucke mit sprachwissenschaftlichem Bezug. Sie ergänzt den Bestand der Kantonsbibliothek mit sprachphilosophischen Werken und Einzelsprachbeschreibungen. Geschlossen unter der Signatur Sei aufbewahrt, widerspiegelt die Sammlung das breite Interesse des Sprachforschers. Sie bietet sich als wertvolles Korpus für Sprachtheoretiker, Universalienforscher, Sprachtypologen und allgemein an der menschlichen Sprache Interessierte an.Der Werdegang Hansjakob Seilers Universalienforschung und Sprachtypologie
Hansjakob Seiler 1955 mit Cahuilla-Informantin Chona Dominguez in
der Torres Martinez Indian Reservation, Südkalifornien. Schon als Student der Klassischen Philologie in Zürich (1940-1947) begann Hansjakob Seiler, den Horizont der Sprachwissenschaft abzutasten. Zunächst beschäftigte er sich mit den altindogermanischen Sprachen, u. a. dem Sanskrit und dem Altiranischen. Bald wandte er sich den modernen Sprachen Europas zu, insbesondere dem Neugriechischen. In Paris (1947-1950) machte er sich mit den theoretischen Grundlagen des französischen Strukturalismus vertraut. In den Überseeinstituten der Universität Hamburg (1950-1953 und 1955-1959) wurde sein Interesse an aussereuropäischen Sprachen geweckt. Bei mehrjährigen Aufenthalten in den USA, zunächst als Rockefeller Fellow (1953-1955), dann als Fellow am Center for Advanced Study in the Behavioral Sciences in Stanford, Kalifornien (1965-1966) und weiterhin als Gastprofessor lernte er den anders gearteten amerikanischen Strukturalismus sowie dessen Negierung durch die Generative Grammatik kennen. Einen bleibenden Ertrag aus jenen Jahren aber schöpfte er aus mehreren Feldforschungen zu amerikanischen Indianersprachen (1955, 1964-1965, 1971). Zu dem in Südkalifornien gesprochenen und akut vom Aussterben bedrohten Cahuilla (1994 noch 7 bis 20 Sprecher) verfasste er eine Grammatik, ein Wörterbuch und eine Textsammlung mit englischer Übersetzung. Die Erfahrungen mit den Sprachen der Welt und die langjährige Beschäftigung mit sprachtheoretischen Fragen bildeten die Grundlage für Seilers wichtigsten Beitrag zur Sprachwissenschaft: Das Projekt UNITYP. Von 1959 bis 1986 war Hansjakob Seiler Inhaber des Lehrstuhls für Allgemeine und Vergleichende Sprachwissenschaft an der Universität zu Köln. Auch nach seiner Emeritierung (1986) und Rückkehr in die Schweiz arbeitete er an den Problemen der Universalität in der Sprache weiter. Universalienforschung und Sprachtypologie Gibt es universelle Grundgesetze, denen jede der ca. 6'000 weltweit gesprochenen Sprachen gehorcht? Lassen sich in der unendlich erscheinenden Formenvielfalt der Sprachen Typen ausmachen, die sich jenseits der traditionell angenommenen Verwandtschaften über ähnliche Prinzipien definieren?
Die erste Frage beschäftigt die Universalienforschung, welche die Sprachwissenschaft des 20. Jahrhunderts stark geprägt hat. Mit der zweiten Frage setzt sich die Sprachtypologie auseinander. Hansjakob Seiler beantwortet beide Fragen entschieden mit ja.
Die Suche nach dem Universellen und diejenige nach dem Speziellen betrachtet Seiler als einander bedingend. So hat er es sich zur Lebensaufgabe gemacht, die Universalienforschung und die Sprachtypologie zusammenzuführen, um Antworten auf die Frage nach dem Wesen der menschlichen Sprache zu finden. Projekt UNITYP Als Rahmen dieser Zusammenführung diente 1972-1992 das von Hansjakob Seiler lancierte Projekt UNITYP. Es brachte Linguisten, deren Spezialgebiete nach Möglichkeit die Vielfalt der Sprachen reflektierten, mit Logikern, Philosophen und Neurologen zusammen. Davon ausgehend, dass der Mensch überall die gleichen Erfahrungen mit seiner Umwelt und seiner eigenen Existenz macht und dass er diese Erfahrungen in seiner Gedankenwelt als grundlegende Konzepte verarbeitet, postuliert UNITYP einerseits, dass gewisse Konzepte in allen Sprachen der Welt ihren Ausdruck haben; andererseits, dass den Sprachen jeweils eine mehr oder weniger breite Auswahl an formalen Lösungen zur Verfügung steht. Dadurch erklärt sich die Vielfalt an Ausdrucksmöglichkeiten für ein und dasselbe Konzept, die man im Quersprachenvergleich findet. Ein Beispiel: Eigenschaften wie Grösse werden im Deutschen mit Adjektiven ausgedrückt (Der Baum ist gross/klein). In vielen Sprachen, wie etwa dem Koreanischen, gibt es keine Wortklasse, die derjenigen der deutschen Adjektive entspricht. Eigenschaften wie Grösse sind dafür in Verben kodiert (etwa: Der Baum "grosst"/"kleint" ). Das Konzept ist in beiden Sprachtypen dasselbe: Eine Eigenschaft wird einem Objekt zugeschrieben. Mit UNITYP ist es Hansjakob Seiler und seinen Mitarbeitern gelungen, einzelsprachliche Ausdrucksweisen mit einem universell gültigen Konzept zu verbinden, ohne dass sie selbst als universell angenommen werden müssen. Dies wäre ohne die theoretischen Überlegungen der Universalienforschung und ohne die Arbeit der Sprachtypologie unmöglich gewesen. Mit der Fusion dieser beiden Disziplinen hat das Projekt UNITYP der Sprachwissenschaft ein überzeugendes Erklärungsmodell geliefert, dem einflussreiche linguistische Publikationen der Gegenwart zu Grunde liegen. Privatbibliothek Über ein halbes Jahrhundert hat Hansjakob Seiler Literatur zum Phänomen Sprache gesammelt. Seine Privatbibliothek widerspiegelt seinen Werdegang: Sie umfasst Werke der Klassischen Philologie, der Philosophie, des Strukturalismus und der Sprachtypologie, Sprachbeschreibungen von Albanisch bis Yoruba und insbesondere eine umfangreiche Sammlung zu amerikanischen Indianersprachen, darunter seltene Publikationen aus Nord- und Mittelamerika. Diesen Bestand hat Hansjakob Seiler 2001 der Kantonsbibliothek zur Nutzung übergeben. Damit verfügt die Bibliothek über eine einzigartige Sammlung von Literatur, die Teil des Lebenswerks eines grossen Sprachforschers bildet. Sie spricht insbesondere Sprachtheoretiker, Universalienforscher und Sprachtypologen an, richtet sich aber auch an allgemein an der menschlichen Sprache interessierte Benutzerinnen und Benutzer. Zudem enthält die Sammlung Lehrbücher zu zahlreichen europäischen und aussereuropäischen Sprachen. Hansjakob Seiler ist weiterhin als Sprachwissenschafter tätig. Seine Forschungsstelle in Lenzburg hat unter anderem die Förderung des Austausches zwischen europäischen und amerikanischen Linguisten und die Nachwuchsförderung in der Sprachwissenschaft zum Ziel. Die Universalienforschung lebt in den neueren Arbeiten Seilers und seiner Schüler fort. Sie kulminiert in einem vorläufigen Fazit des Linguisten, das in einer Sammlung von Artikeln und einer Biobibliographie zum Ausdruck kommt. Katalog
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